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Eine einfache Formel

Das hätten wir doch gerne: eine einfache Formel, um blitzschnell gut entscheiden zu können, oder auch langfristig in einer Zeit voller Ungewissheit, wie der jetzigen, wo Selbstverantwortung und Neuorientierung gefragt sind. Ich kenne eine solche Formel - sie heisst:

 

zu wenig – GENUG – zu viel

 

Daraufgekommen bin ich übers Essen. Zu wenig bedeutet Hunger. Also Essen beschaffen und geniessen. Und dann: Was gibt es Schöneres als sagen zu können: Danke, ich habe genug. Und das Genug so richtig zergehen lassen auf der Zunge. Mir fällt es dann leichter, mit Essen aufzuhören, auch wenn noch viel Gluschtiges auf dem Tisch steht. Die Folgen von zu viel Essen sind nämlich sehr unangenehm und der Preis langfristig hoch. Ganz zu schweigen von zu viel getrunken. Vorsicht: Das Sättigungsgefühl kommt erst 20 Minuten nach dem Essen.

 

Eine andere Lektion ist das Gepäck. Noch ein Buch, ein Paar Schuhe und Reserven aller Art wandern in den Rucksack. Unterwegs, am Berg kommt der Seufzer: Zu viel, zu schwer. Klar lerne ich dazu: Kleinstmengen und papierlos funktioniert auch. Am Bahnhof Zürich Flughafen betrachte ich neidlos die vielen Riesenkoffer und deren Besitzer.

 

Meine dreijährige Enkelin scheint noch deutlichere Grenzen zu spüren. Sie steht beim Essen unvermittelt auf und sagt: Ich habe genug. Den Teller schiebt sie weg, ob leer oder nicht. Und das hält dann hin. – Oder an Weihnachten zündete ich Kerzen in Glasschälchen an, die wir zum Esstisch tragen sollten. Sie stand neben mir und rief: Ich nehme zwei! Nach ein paar Schritten kam sie zurück und sagte: Ich nehme bloss eines.

 

Beim Zuwenig fallen mir eher nichtmaterielle Dinge ein: zu wenig geschlafen, zu wenig gespart, zu wenig gelernt. Dann fehlt uns etwas, wir fühlen uns nicht gut. Das Manko bringt uns aus dem Gleichgewicht, macht uns unglücklich oder gar krank. Genauso wie zuviel gearbeitet, zuviel marschiert – der Nacken schmerzt oder die Füsse. Wie erfrischend hingegen, wenn jemand aufsteht und sagt: Genug geredet!

 

Das Genug kann eine Quelle von Zufriedenheit und Wohlgefühl werden. John Naish hat sogar ein 300-seitiges Buch darüber geschrieben. Er beginnt sein Werk GENUG mit einem Zitat von Tao Te King (ca. 260 v.u.Z). Wer weiss, dass er genug hat, ist reich. – Das Thema scheint nicht ganz neu zu sein.

 

Wir können die Formel auch auf eine Gruppe anwenden, eine Partei, eine Kirche oder eine Firma.

 

Ein gewisses Zuviel können wir noch an allen Poststellen abgeben bis morgen Samstag 7. Januar: Die Aktion 2x Weihnachten gleicht damit ein Zuwenig bei weniger Glücklichen aus.

 

Kein Zweifel: Das Private ist immer politisch – ob zu wenig, genug oder zu viel.

 

Viel Glück und viel Spass beim Üben im 2012!

 

Erna Straub-Weiss, Weinländer Grüne